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1. Dolmetschen und Übersetzen: Gegenstandsbereich
Die Kommunikation über Ländergrenzen
sowie Sprach- und Kulturbarrieren hinweg nimmt nicht nur quantitativ stetig
zu, sondern stellt zunehmend wachsende Anforderungen an die Qualität der
Sprachmittlung in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur. Dabei ist das
Ermöglichen professioneller interkultureller Kommunikation vorrangig die
Aufgabe von ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen, die in der wachsenden
Komplexität dieser Aufgabe eine Herausforderung für die universitäre
Lehre und ihr theoretisches Fundament sehen.
2. Übersetzen und Dolmetschen als interkulturelle Kommunikation
Der Komplexitätszuwachs im
Aufgabenbereich der Sprachmittlung zeigt sich vornehmlich in der Erkenntnis,
daß nicht nur Sprache, sondern vor allem Kultur übermittelt wird,
die im Diskurs und in Texten auf vielerlei Art und Weise zum Ausdruck kommt
und daher immer explizit oder implizit (mit)vermittelt wird. Diese Kulturspezifik
manifestiert sich in nonverbalen Symbolen beim Dolmetschen ebenso wie in Phraseologismen,
morphologisch-syntaktischen Gegebenheiten bis hin zur Textdimension mit ihren
kulturspezifischen Diskursmustern und Textstrukturen und umfaßt hier kulturell
bedingte Unterschiede in den Makrostrukturen, Bedeutungsebenen, in der Informationsverteilung
und den Sequenzierungsmodalitäten. Im Rahmen der Fragestellung von Textfunktion
und Textpragmatik spielen die Anpassung an die Wissensvoraussetzungen der zielkulturellen
Kommunikationspartner und die Problematik der interkulturellen Fachkommunikation
neben anderen Bereichen eine tragende Rolle. Dieser Herausforderung müssen
sich die Übersetzungs- und die Dolmetschwissenschaft stellen. Dazu ist
es notwendig, für bestimmte, im einzelnen zu definierende Bereiche der
Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft Forschungsdesiderate zu entwickeln.
Hierzu gehört beispielsweise - um nur einen solcher Forschungsbereiche
zu nennen - die Rolle der Kultur beim Übersetzen und Dolmetschen mit dem
grundlegenden Desiderat, einen für das Übersetzen und Dolmetschen
aussagefähigen und handhabbaren Kulturbegriff zu entwickeln, der zum einen
die Diskurs- und Textdimension ganzheitlich berücksichtigt und zum anderen
flexibel genug ist, um auch andere Wissenssysteme (z.B. das Fachwissen) und
die intrakulturelle Diversität mit einzubeziehen.
3. Wissenschaftliche Grundposition
3.1 Die Gesellschaft für Übersetzungs-
und Dolmetschwissenschaft verpflichtet sich zur Anerkennung der allgemeinen
methodologischen Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens: der Explizitheit,
Systematizität und der Verifizierbarkeit.
Dabei sind Übersetzungs- bzw. DolmetschwissenschaftlerInnen wie alle anderen
WissenschaftlerInnen ausschließlich den Grundsätzen ihrer Wissenschaftlichkeit
verpflichtet. Für die Angewandte Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft
gilt, daß sie die Praxis als Möglichkeit methodischer Eigenprüfung
im gegenseitigen Bedingungsverhältnis von Theorie und Praxis mit einbeziehen
muß. Das Bedingungsverhältnis erweist sich insbesondere für
den Aufbau und die Anwendung der Kompetenzen als wesentlich, die im einzelnen
zu erforschen und definieren sind: z.B. die Analyse-Kompetenz, zu der auch Reflexions-
und Qualifizierungs-Kompetenz gehören, und zum anderen Transfer- (oder
Mittlungs-) und Produktions-Kompetenz. Alle diese Kompetenzbereiche sind einzubetten
in eine umfassendewissenschaftliche Kompetenz.
3.2 Die Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft definiert sich aus dem Selbstverständnis des Gegenstandsbereichs heraus. Ihre Fragestellungen beziehen sich dabei originär auf die polysemiotischen (sprachlichen, nicht-sprachlichen, multimedialen, kulturspezifischen) Handlungen der ÜbersetzerInnen und/oder DolmetscherInnen, die in die Rezeptions-, Vermittlungs- und Textreproduktionsprozesse eingebunden sind, sowie auf deren entsprechend komplexe Ergebnisse.
3.3 Es gehört zum Selbstverständnis
der Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft, grundsätzlich wertfrei
von einem Theorienpluralismus auszugehen. Sie erarbeitet dazu eine eigenständige
Theorie- und Modellbildung. Dabei gilt auch hierfür das interdisziplinäre
Prinzip von Geben und Nehmen, nach dem einerseits die eigenen Erkenntnisse an
die Nachbardisziplinen als Forschungsanregungen und Impulse für neue Wege
weitergegeben und andererseits auch die Theorie-Angebote von anderen Disziplinen
mit einbezogen werden.
4. Zum Verhältnis von Dolmetsch- und Übersetzungswissenschaft
Dolmetsch- und Übersetzungswissenschaft
sind prinzipiell als komplementäre, gleichwertig und gemeinsam zu betrachtende
Beziehungsbereiche der Sprach(ver)mittlung zu sehen. Sie repräsentieren
Aktivitäten in den beiden fundamentalen Medien der interkulturellen Kommunikation.
Beide Teilbereiche verlangen Kompetenzen auf allen Ebenen des Sprachsystems
und der Sprachverwendung, beide sind erweiternd gefordert in den pragmatischen
Konstellationen bis in die Diskurs-, Text- und die Kulturdimension hinein, beide
sind betroffen von der Herausforderung durch die neuen Medien. Beide Teilbereiche
widmen sich - ihrem Gegenstandsbereich entsprechend und die Rahmenbedingungen
der jeweiligen Kommunikationssituation berücksichtigend - der Theorienbildung:
die Dolmetschwissenschaft in ihrer Ausprägung als theoretische, empirische
und/oder angewandte Dolmetschwissenschaft mit vielfachen Bezügen u.a. zur
Gesprächs- und Gedächtnisforschung und zur Psycho- und Neurolinguistik,
die Übersetzungswissenschaft als theoretische, empirische und/oder angewandte
Übersetzungswissenschaft mit ihren vielfachen Bezügen zu den Nachbardisziplinen
der Kontrastiven Linguistik, der Textlinguistik und Textpragmatik, der Rhetorik
und Stilistik, der Literaturwissenschaft sowie den Kommunikations- und Medienwissenschaften.
Für beide Teilbereiche gilt die Einheit von Forschung und Lehre als konstitutives
universitäres Prinzip.
5. Übersetzen und Dolmetschen: Neue Technologien
Die zunehmende Komplexität
der Sprach- und Kulturvermittlung bezieht sich nicht nur auf die Textgestalt
(vgl. 2), sondern auch auf die Textgestaltung: Desktop publishing, Layoutgestaltung,
Auswahl und Anordnung von Text und Bild weiten z.B. den Kompetenz-und damit
den Verantwortungsbereich beim Übersetzen und Dolmetschen beträchtlich
aus. Texte werden immer weniger in ihrer Gesamtheit übersetzt bzw. traditionell
gedolmetscht, vielmehr nimmt der/die ÜbersetzerIn und Dolmetscher/In zunehmend
Einfluß auf die Quantität und Qualität bei der Textgestaltung
in Form von Zusammenfassungen (Abstracting), Textadaptationen (z.B. bei Bedienungsanleitungen),
dem (bilingualen) 'technical writing' oder der multilingualen Textgenerierung
(einmal ganz abgesehen von den Bemühungen um automatische Übersetzung
und automatisches Dolmetschen) - um nur einige Einflußbereiche der neuen
Technologien zu nennen. Dabei wird es immer wichtiger, die Beziehungen von Ausgangs-
und Zieltext und die ihre Gestalt(ung) determinierenden Faktoren (z.B. Zwecksetzung,
Textsorte, antizipierter Empfängerkreis) zu erforschen bzw. ihre Wirkungsweise
und Interdependenz bewußt zu machen. Der Bereich der neuen Technologien
fordert die Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaftgleichermaßen
heraus: Hier geht es um Grundlagenforschung zur Repräsentation von dialogischem
Diskurs und monologischen Texten, u.a. zur Darstellung von Kohärenzprozessen
(z.B. bei der Expansion und Kondensation von Texten im Rahmen mehrfach adressierter
Texte). Die in diesem Bereich bestehenden Forschungsdesiderate gilt es zu erfassen
und zu beheben.
6. Übersetzen und Dolmetschen als intralinguale und intrakulturelle Kommunikationsvermittlung
Als "Textbauexperten", die vor allem
die Regeln und Konventionen ihrer Muttersprache und ihrer eigenkulturellen Kommunikation
beherrschen müssen, sind Übersetzer/Innen und Dolmetscher/Innen damit
vertraut, Texte zu übertragen, deren Empfänger sehr unterschiedliche
kulturelle, intellektuelle und sprachliche Voraussetzungen mitbringen. Daher
sind Übersetzer und Dolmetscher prädestiniert, Texte auch intrakulturell
so umzusetzen, daß z.B. Fachtexte für Laien verständlich werden
(z.B. bei der Erstellung von Software-Handbüchern), und Rohfassungen von
Texten stilistisch, gestalterisch und redaktionell so zu verändern, daß
sie ihre kommunikative Funktion möglichst optimal erfüllen (z.B. bei
der Überarbeitung von Bewerbungsschreiben, Prospekten, Ausstellungskatalogen
etc.). Dieser weite Bereich bedarf noch weiterer systematischer Erforschung.
Auch hier liegt daher ein Bündel von Forschungsinteressen für die
Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft (z.B. die Frage, wie sich die Mehrfachadressierung
von Texten (in engem Zusammenhang mit Punkt 5) systematisch in ihren Kohärenzbedingungen,
in ihrer Informationsverteilung und -sequenzierung beschreiben läßt).
7. Übersetzen und Dolmetschen in der Fachkommunikation
Das Übersetzen und das Dolmetschen
von Fachkommunikation nimmt immer mehr an Bedeutung zu. Dabei ist der Fachlichkeitsgrad
der zu übertragenden schriftlichen und mündlichen Texte fast ausnahmslos
hoch. In einigen Fällen wird diese Aufgabe daher von spezialisierten FachübersetzerInnen
übernommen, die neben ihrer übersetzungs- bzw. dolmetschbezogenen
Ausbildung zusätzlich über eine Ausbildung im Fach selbst verfügen.
Eine solche Spezialisierung ist jedoch nur in Sprachen mit hohem Auftragsaufkommen
für Übersetzer (z.B. Deutsch, Englisch, Französisch) und auch
nur für bestimmte Fächer (insbesondere technische Disziplinen) möglich.
ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen, die in die oder aus den sogenannten
'kleineren' Sprachen übersetzen und dolmetschen, haben seltener die Möglichkeit,
sich zu spezialisieren. Sie sind daher auf methodische Strategien und Vorgehensweisen
angewiesen, die sie exemplarisch für die 'größeren' Sprachen
erarbeitet haben. Hier liegt daher ein weiteres Forschungsdesiderat der Übersetzungs-
und Dolmetschwissenschaft: Die Ausdehnung der (intra- und interkulturellen)
Terminologiearbeit auf die Textdimension, die Erfassung, Ermöglichung und
Beschreibung eines systematischen Zugriffs auf terminologische Einheiten im
Kontext unter Berücksichtigung intertextueller Kohärenzbedingungen
(z.B. Möglichkeits- und Ausschlußfelder für Synonymien und Homonymien
im Kontext). Dabei ist von einer Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft
zu fordern, daß sie die notwendigen Grundlagenerkenntnisse zur Verfügung
stellt, auf deren Basis computergestützte Übersetzer- und Dolmetscherhilfen
(Translation Memory-Programme, Terminologie-Datenbanken) entwickelt werden können.
Weitere Forschungsdesiderate betreffen die Merkmalfindung für fachliche
Texte als Basis einer Fachtexttypologie sowie die textlinguistischen, textpragmatischen
und kulturbezogenen Analysen von Textsortenkonventionen in der Fachkommunikation.
8. Übersetzen und Dolmetschen an den Hochschulen
Die Hochschulen haben die Aufgabe,
das wissenschaftlich-methodische Rüstzeug für den Beruf des/der Übersetzers/In
oder Dolmetschers/In zu vermitteln. Die Übung und Erfahrung dagegen vermittelt
die Praxis. Die Lehre hat sich um das exemplarische Vorgehen, um das Problembewußtsein
und Differenzierungsvermögen für gangbare/nicht gangbare Wege, gute/weniger
gute Lösungen im Rahmen übersetzerischer oder dolmetschbezogener Frage-und
Problemstellungen zu bemühen. Sie gibt somit wissenschaftlich gewonnene
Kriterien an die Hand, nach denen die methodischen Arbeitsweisen, die sprachlich-kulturellenArbeitsbedingungen,
die Textbearbeitungsprozesse und die Einschätzung des Ergebnisses (nach)geprüft
und (im Rahmen des Möglichen objektiv) bewertet werden können. Dies
geschieht in Einheit mit der theoretischen Fundierung, die in diesem Bereich
vermittelt wird, also in Einheit mit der Forschung. Die universitäre Lehre
hat darüber hinaus auch die Grundlagen für die wissenschaftliche Laufbahn
(Promotion, Habilitation) in diesem Bereich zu legen.
9. Wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Theorienbildung
Die Entwicklung einer Methodologie des Übersetzens und Dolmetschens ebenso wie die Entwicklung einer Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens im Bereich Übersetzen und Dolmetschen bildet ein vorrangiges Forschungsdesiderat für die Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft. Dafür sind zunächst methodologische Grundprinzipien zu entwickeln. Für Arbeiten zur Theorienbildung im Übersetzen und Dolmetschen wird hier - in Ermangelung anderer Methodologien - zunächst tentativ folgende allgemeine inhaltliche Vorgehensweise vorgeschlagen:
9.1 Explikation der Problemstellung
(inkl. der Darstellung des Forschungsstandes);
9.2 Legitimation der Problemstellung anhand konkreter Daten (Untersuchungsfeld
mit Datenvorgabe);
9.3 Neuentwicklung eines Lösungsansatzes;
9.4 Formulierung des Lösungsansatzes als Theorie oder Modell
(eventuell als Computer-Modellierung zwecks Automatisierung
bestimmter Teilaufgaben);
9.5 Adäquatheitsprüfung (evtl. in Abgrenzung oder im Vergleich zu
anderen Modellen);
9.6 Methodenentwicklung und didaktische Aufbereitung zwecks Verbesserung der
Praxis (Anwendungsbereich) und Lehre.
Diese Vorgehensweise ist mit Bezug
auf übersetzungs- und dolmetschwissenschaftliche Fragestellungen zu überprüfen
bzw. zu verfeinern und gegebenenfalls um die empirische und angewandte Dimension
zu erweitern. Darüber hinaus gilt, daß die kritische Auseinandersetzung
mit anderen, möglicherweise konkurrierenden wissenschaftlichen Ansätzen
Bestandteil wissenschaftlicher Tätigkeit ist. Die wissenschaftliche Kritik
sollte jedoch stets nachvollziehbar sein und pauschale Einordnungen oder Etikettierungen
vermeiden. Dabei wird zunächst zur Orientierung folgender Kriterienkatalog
für die Vorgehensweise zur Kritik von theoriebezogenen Ansätzen vorgeschlagen,
der nicht als statisches Korsett, sondern als flexibler Rahmen zu verstehen
ist, in dem folgende Kriterien Berücksichtigung finden: Relevanz der Fragestellung,
Einführung der verwendeten Begriffe (Explizitheit, Definitionen), Konsistenz
des Ansatzes in sich und in seinen Teilen, Vorlegen von nachprüfbarem Daten-
bzw. Beispielmaterial, Adäquatheit der vorgelegten Modellierung oder Theorie
in bezug auf die vorgelegten Daten und im Sinne der Fragestellung. Gewährleistung
der Anschließbarkeit weiterer wissenschaftlicher Forschungsfragen und
Analyseschritte. Dieser Kriterienkatalog ist zu überprüfen und gegebenenfalls
zu erweitern. Damit soll weder der Weg zum lebendigen Dialog versperrt, noch
der Pluralismus der Ansätze eingeschränkt werden (sofern es sich um
wissenschaftliche Ansätze zum Übersetzen und Dolmetschen handelt),
wohl aber soll der Bezugsbereich der DGÜD auf wissenschaftliche Arbeiten
zum Übersetzen und Dolmetschen spezifiziert und ein prinzipieller Rahmen
und Bezugspunkt als Orientierungshilfe geschaffen werden.
10. Zum Berufsethos des Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaftlers
Die Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft
ist dem Code of Professional Ethics, dem Internationalen Dolmetscherverband
(AIIC) sowie den Leitsätzen zum Beruf des Universitätsprofessors des
Deutschen Hochschulverbandes verpflichtet.
Saarbrücken, den 15. September 1998
aktualisiert 23.09.2007 KS